Prominente Familiengeschichte: Der Benz-Nachlass wird wissenschaftlich erschlossen

20 Umzugskartons voller Fotos, Urkunden, Firmenkataloge und Korrespondenz: So kam 2016 ein Teil des Nachlasses aus der Familie Carl Benz ans Museum. Seit Sommer vergangenen Jahres werden diese Unterlagen aus der Familie des Autoerfinders nun systematisch und wissenschaftlich erschlossen: 1.500 einzelne Fotos und 25 Fotoalben mit weiteren 1.000 Fotos wurden insgesamt gezählt, bereits 100 Briefe und Postkarten sind transkribiert.

Platz und Geduld erfoderlich
Etwa ein Fünftel des schriftlichen Nachlasses ist damit bereits gesichtet, erläutert Archiv-Mitarbeiterin Adriana Markantonatos: „Carl Benz hatte fünf Kinder, die ganz unterschiedliche Wege gingen – diese können wir anhand der Archivalien teilweise sehr detailliert nachzeichnen.“ Der Nachlass wurde dem Museum von Gertud Elbe geschenkt, der Witwe des 2005 verstorbenen Dieter Elbe. Dieser war ein Urenkel von Carl Benz und Mit-Inhaber der Firma C. Benz Söhne in Ladenburg.

Erfolgreiche Familiengeschichte
Neben Informationen zur Geschichte dieses Unternehmens gibt es auch viel Aufschlussreiches zum sich wandelnden Bild der Familie Benz in der Öffentlichkeit: „Bereits in der Weimarer Republik entstand ein regelrechter Hype um den Autopionier und seine beispielhafte Erfolgsgeschichte, der sich in zahlreichen Ehrenmitgliedschaften und -titeln niederschlug“, so Markantonatos. Nach dem Tod von Carl Benz 1929 und mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten konzentrierte sich die Aufmerksamkeit besonders auf seine Witwe, die als „Mutter Benz“ durch das Regime politisch inszeniert wurde. Hiermit ging durchaus finanzielle Absicherung einher, eine politische Gesinnung seitens Bertha Benz oder ihrer Familie aber nicht. „Dies jedenfalls legen Korrespondenzen im Nachlass nahe, wenngleich auch viele widersprüchliche Informationen zu der Familie vorliegen.“

 

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Im TECHNOSEUM entdeckt: Die Öhrsonnenuhr

Sonnenuhren sind die ältesten Zeitmesser, die der Mensch entwickelt hat: Archäologische Funde in Ägypten zeigen, dass dort bereits im 13. Jahrhundert v. Chr. der Schattenwurf von Objekten benutzt wurde, um die Tageszeit zu berechnen. Auch noch im 18. Jahrhundert und als es schon längst Pendel- und Taschenuhren gab, wurden Sonnenuhren gebaut. Der Grund: Sie waren sehr präzise und vergleichsweise leicht. Die im TECHNOSEUM ausgestellte Öhrsonnenuhr, eine sogenannte äquatoriale Tischsonnenuhr, ist ein solches tragbares Zeitmessgerät: gut 40 Zentimeter hoch und „nur“ 22 Kilogramm schwer.

Minutengenaue Präzision
Im Unterschied zu herkömmlichen Sonnenuhren arbeitete die Öhrsonnenuhr mit einer Lochblende, der Öhre: Das Visier musste vom Benutzer so lange gegen die Sonne gedreht werden, bis Licht durch dieses Loch auf eine bestimmte Markierung fiel. Das auf diese Weise eingestellte Visier übertrug mit Zahnrädern seine Position auf einen Stunden- und einen Minutenzeiger: Auf dem Ziffernblatt konnte man nun minutengenau die Uhrzeit ablesen.

Vorkenntnisse und Geduld erforderlich
Nichtsdestotrotz war die Zeitmessung mit diesem Instrument aus heutiger Sicht umständlich und langwierig: Vor dem Gebrauch musste erst einmal die Äquatorhöhe eingestellt und die Sonnenuhr nach dem Meridian ausgerichtet werden. Wer die Uhrzeit wissen wollte, musste also die geographische Breite seines Aufenthaltsortes kennen. Deshalb lag dem Gerät normalerweise eine Art Gebrauchsanweisung bei. Und um sicher zu sein, dass der Benutzer die Öhrsonnenuhr in der korrekten Position aufgestellt hatte, musste er einen ganzen Tag abwarten, ob die Sonne durch die Öhre auch wirklich durchgehend auf die Markierung fiel. Erst danach konnte er verlässliche Uhrzeiten ablesen.

Eine Uhr für die Uhr
Philipp Matthäus Hahn (1739 – 1790) war eigentlich Pfarrer, begeisterte sich aber schon seit seiner Kindheit für die Astronomie. Er galt als einer der besten Uhrenmacher seiner Zeit – und das als reiner Autodidakt. Hahn konstruierte die Öhrsonnenuhr im Jahr 1777 vor allem, um mechanische Uhren zu überprüfen und nachzujustieren. Eigentlich war sie bloß Beiwerk und wurde mitgeliefert, wenn ein Kunde eine Taschen- oder Stand-Räderuhr bei ihm bestellt hatte. Die Öhrsonnenuhr im TECHNOSEUM gehört zum Inventar der Mannheimer Sternwarte, das im Museum verwahrt wird.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene A.

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Im TECHNOSEUM entdeckt: Das Raketenflugzeug

Am 30. September 1929 wurde auf dem Frankfurter Flugplatz die Ära des Raketenflugs eingeläutet. Das Flugzeug: die RAK-1, ausgestattet mit Schwarzpulver-Raketen, die 350 Kilopond Schub und vier Sekunden Brenndauer hatten. Am Steuerknüppel: Fritz von Opel, Industriellensohn und bekannt als waghalsiger Flieger. Hinter dem Ereignis stand jedoch ein anderer: Julius Hatry, Erfinder aus Mannheim. Gerade einmal 22 Jahre alt, Ingenieur aus Leidenschaft, ausgebildeter Segelflieger und Draufgänger zugleich, tüftelte er jahrelang an der Entwicklung der RAK-1 und testete alle Prototypen und Vorläufermodelle selbst, oft unter Einsatz seines Lebens. Ein Nachbau des legendären Fluggeräts hängt im TECHNOSEUM unter der Decke – es wurde 1990 unter Hatrys Mitarbeit rekonstruiert.

Der tollkühne Mann in seiner fliegenden Kiste
Bei Hatry, geboren 1906 in Mannheim, zeigte sich schon früh sein Faible für Flugzeuge. Mit gerade mal 15 Jahren wurde er Mitglied des Mannheimer Fliegerclubs. Zwar nahm er ein Ingenieurstudium auf, brach es jedoch bald ab, um als Fluglehrer zu arbeiten. Im Sommer 1929 begann Hatry mit dem Bau der RAK-1. Dabei nahm er das konventionelle Segelflugzeug zum Vorbild: Die RAK-1 ist im Grunde also eine ziemlich simple Konstruktion. Revolutionär dagegen war die Antriebstechnik. Sie galt in den 1920er Jahren als besonders modern, zukunftsträchtig und spektakulär: Mit Raketen hoffte man, besonders große Geschwindigkeiten zu erreichen.

Erfolgreicher Flug mit Bruchlandung
Auch andere experimentierten in dieser Zeit mit Raketenantrieben, etwa der Juniorchef der Rüsselsheimer Opel-Werke. Hatry wiederum suchte einen Geldgeber und bot Fritz von Opel eine Zusammenarbeit an. Den ersten Testflug am 19. September absolvierte Hatry selbst, die öffentliche Präsentation in Frankfurt elf Tage später war von Opel vorbehalten. Die Presse wurde eingeladen, die „New York Times“ berichtete, möglichst bekannt sollte das Ereignis werden. Zunächst hatte von Opel zwei Fehlstarts, doch beim dritten Versuch klappte es: Die RAK-1 legte in einer Höhe von 20 Metern und bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 100 km/h rund zwei Kilometer zurück. Bei der harten Landung ging das Flugzeug zu Bruch, doch die Öffentlichkeit feierte die Sensation: Der erste bemannte Raketenflug hatte stattgefunden.

Maschinenträumer und Flugpionier
Hatry wird häufig als Pionier der Luft- und Raumfahrttechnik bezeichnet, von der RAK-1 eine direkte Linie zum Sputnik-Satelliten und den Apollo-Missionen gezogen. Mit der Technologie späterer Raumfähren und Weltraum-Raketen hat die RAK-1 jedoch nur wenig gemein. Die medienwirksame Inszenierung von Hatrys Raketenflügen machte indes eine breite Öffentlichkeit auf die Möglichkeiten dieser neuen Antriebstechnologie aufmerksam. Sie ebnete damit einem grundlegenden Bewusstseinswandel den Weg: dass auch Utopien wie die Eroberung des Weltalls möglich sind.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene E.

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Zwillinge auf Reisen – Radios finden in Frankfurt am Main eine neue Heimat

Sammlerinnen und Sammler kennen das: Wer viel sammelt bekommt ab und zu auch Dinge, die man schon hat. Manchmal in einem besseren, manchmal in einem schlechteren Zustand. In einer privaten Sammlung sind diese Dubletten unverzichtbar, um durch Tausch an das ein oder andere begehrte Schätzchen oder durch den Verkauf an genügend Bargeld für den nächsten Fang zu kommen.

Dubletten im Museum
Bei Museen sieht die Sache anders aus: Museen verkaufen nicht, ihr Sammlungsbestand dient dazu, historisch bedeutsame Dinge für künftige Generationen zu erhalten und – zum Beispiel durch Ausstellungen und Publikationen – der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch Dubletten fallen natürlich auch hier an, gerade wenn man Altbestand und Neuerwerbungen zusammenführt (wir berichteten). Was machen wir also mit unseren mehrfach vorhandenen Radios und Fernsehern?

Geteilte Freude ist doppelte Freude
Das TECHNOSEUM ist nicht das einzige Museum, das historische Funktechnik sammelt. So haben wir also bei unseren Kolleginnen und Kollegen gefragt, wer Interesse an unseren doppelten Lottchen bzw. doppelten Radios hätte. Vergangenen Monat kamen zwei Kolleginnen aus dem Frankfurter Museum für Kommunikation und haben elf Geräte mitgenommen, Übergaben an weitere Museen stehen an. Und so freuen wir uns, dass nicht nur wir eine schöne Sammlung haben, sondern auch andere ihre Bestände ergänzen können. Schließlich sammeln wir nicht zu unserem Vergnügen, sondern für jetzige und zukünftige Forscher und Ausstellungsbesucher.

Angela Kipp, Depotleitung TECHNOSEUM

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Im TECHNOSEUM entdeckt: Der Hanomag 2/10 PS

Klein, kompakt und kostengünstig: Der Hanomag Typ 2/10 PS war schon lange vor dem VW Käfer eines der ersten erschwinglichen „Volksautos“. Insgesamt liefen zwischen 1925 und 1928 15.775 Exemplare des Fahrzeugs vom Band. Wegen seiner kantigen Form erhielt es den Beinamen „Kommissbrot“. Ein besonders gut erhaltenes Modell ist der neueste Zugang in der Automobilbau-Ausstellung.

Der Smart der 20er Jahre
Der Smart ist keine völlig neuartige Erfindung: Es gab nämlich schon den Hanomag! Das Fahrzeug brachte nur 370 Kilogramm auf die Waage, bei einer Länge von gerade einmal 2,78 Meter. Mit einem 10 PS starker Einzylinder-Viertaktmotor ausgestattet, konnte man bis zu 60 Stundenkilometer flitzen. Und ein weiteres Merkmal macht den Mini zu einem Großen in der Auto-Geschichte: Das Auto war das erste mit einer selbsttragenden Karosserie, die später von den meisten Herstellern übernommen wurde – es symbolisiert somit den Übergang hin zum modernen Karosseriebau. Zudem ist das Modell eines der ersten, das in Deutschland in Fließbandproduktion hergestellt wurde. Der Wagen wurde 1924 von den Konstrukteuren Fidelis Böhler und Carl Pollich entwickelt, die bei der Hannoverschen Maschinenbau AG, abgekürzt Hanomag, tätig waren. Die Firma baute nicht nur PKW und LKW, sondern auch Bau- und Zugmaschinen, Ackerschlepper sowie Dampflokomotiven. Den Hanomag Typ 2/10 PS gab es nach dem Baukasten-Prinzip somit auch als Limousine, Liefer- und Pritschenwagen.

Restaurierte Rarität
Der Hanomag, der im TECHNOSEUM zu sehen ist, ist ein zweisitziges Cabriolet mit Klappverdeck aus einer sehr frühen Serie. Weniger als 20 Fahrzeuge dieses Typs gibt es heute noch. Der Wagen wurde in 17-jähriger Arbeit von dem Ludwigshafener Zahnarzt und Oralchirurgen Dr. Udo Kirsch mit Liebe zum Detail restauriert. Dabei hatte der Autoliebhaber auf kuriose Details Wert gelegt, die den Hanomag ausmachten, wie etwa den rechtsseitigen Fahrersitz, die Tür auf der Beifahrerseite und den einzelnen, mittig angebrachten Scheinwerfer. Um loszufahren, musste man den Mini per Seilzug anlassen, ähnlich wie bei einem Rasenmäher. Im September 2017 schenkte die Ehefrau des 2010 verstorbenen Tüftlers, die Journalistin Waltraud Kirsch-Mayer, das restaurierte Schmuckstück dem TECHNOSEUM, wo es seitdem die Automobilbau-Ausstellung komplettiert.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene F.

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Im TECHNOSEUM entdeckt: Das Zeiss-Mikroskop

Es lohnt sich immer, einen genauen Blick zu riskieren: Mit einem Mikroskop eröffnen sich dabei völlig neue Welten. In der Medizin wurde das Mikroskop im 19. Jahrhundert deshalb auch zum Symbol des medizinischen Forschens. Im TECHNOSEUM zu sehen ist ein Mikroskop aus dem Jahr 1890, das in Jena in der Werkstatt von Carl Zeiss gefertigt wurde.

Pröbeln in Versuch und Irrtum
Der Mechaniker Carl Zeiss und der Physiker Ernst Abbe aus Jena haben mit der Entwicklung von Mikroskopen grundlegend zur Weiterentwicklung der medizinischen Forschung beigetragen. Abbe gelang es, die Optik von Mikroskopen mathematisch berechenbar zu machen. Zuvor „pröbelten“ (probierten) Instrumentenbauer in Versuch und Irrtum so lange mit verschiedenen Linsen herum, bis sie die gewünschte Vergrößerung und Auflösung erreichten.

Lebendige Bausteine
Erst durch das Mikroskop konnte man sich den Zellen nähern. Das Leben ein Zellhaufen? Die Vorstellung, dass alle Lebewesen aus Zellen als kleinste Einheiten bestehen, formulierte der Arzt und Pathologe Rudolf Virchow als erster in seiner Zellularpathologie in den 1850er Jahren. Darin bezeichnete er die Zelle als Ausgangspunkt allen Lebens. Krankheiten betrachtete er als Folge einer Veränderung der Zellen. Bis heute ist diese Vorstellung von Gesundheit und Krankheit präsent. Führte man in der zuvor vorherrschenden Viersäftelehre eine Krankheit auf ein Ungleichgewicht der Säfte im Körper zurück, so konnte man sie nun genau körperlich lokalisieren. Mit Hilfe von Mikroskopen lassen sich Veränderungen in hauchdünnen Gewebeschichten für das Auge sichtbar machen: Krebszellen, Entzündungen oder totes Gewebe können ebenso nachgewiesen werden wie Erkrankungen aufgrund von Mikroorganismen wie Bakterien, Parasiten oder Pilzen. Diese werden auf unterschiedlichen Nährträgern kultiviert, um sie im Anschluss mit dem Mikroskop genau zu bestimmen.

Präzise Zeiss-Technik
Die Firma Zeiss machte sich mit Mikroskopen weltweit einen Namen – von der Herstellung einfacher, präziser Lichtmikroskope bis hin zu komplex zusammengesetzten Mikroskopen. Ab 1866 steigerten der Mechaniker Carl Zeiss und der Physiker Ernst Abbe die Qualität des Mikroskops erheblich. Robert Koch nutzte das beispielsweise für seine Forschungen zu Bakterien.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene B.

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Im TECHNOSEUM entdeckt: Das Nadelspiel Record-Golf

Blitzschnelle Reaktionen, flinke Finger und eine große Portion Geschick: Am Flipperautomaten machen diese Eigenschaften einen Sieger aus. Bebildert mit Szenen aus beliebten Science-Fiction oder Fantasy-Romanen und mit blinkenden Lichtern ausgestattet zogen Flipper vor allem in den 1980er und 90er Jahren die Jugendlichen an.  Noch recht schlicht und ohne Leuchtreklame kommt da im Vergleich der Nadelspiel-Automat Record-Golf aus den dreißiger Jahren daher. Beliebt war er dennoch.

Game Design anno 1871
Er war der erste „Game Designer“: 1871 ließ Montague Redgrave seine „Improvements in Bagatelles“ patentieren. Damit begann die Geschichte der Flipperautomaten. Das erste Spiel dieser Art wurde um 1890 von der Sicking Manufacturing Company unter dem Namen „The Log Cabin“ produziert. Mit Hilfe eines Holzkolbens schoss der Spieler eine Glaskugel in das Spielfeld, auf dem Nägel und Löcher den Lauf der Kugel veränderten. Akustische Signale zeigten dabei  die Treffer an. Wie viele Punkte man gemacht hatte, musste man allerdings am Ende selbst addieren. Nadelspiele wie dieses wurden vor allem in Kneipen und Bars aufgestellt und erlebten nach 1929 einen enormen Boom. Kein Wunder, denn nach dem Schwarzen Freitag, der wirtschaftlichen Depression und der hohen Arbeitslosigkeit, waren solche Spiele für die Menschen ein kleines Vergnügen, das sie sich gerade noch leisten konnten.

Flippern mit Geschick und Glück
Der Nadelspiel-Automat Record-Golf, der in der Dauerausstellung des TECHNOSEUM zu sehen ist, stammt aus der Zeit um 1933/34. Für 5 Pfennig Einsatz erhielt man zehn Kugeln, bei 10 Pfennigen schickte man 20 Kugeln ins Spiel. Die ausführliche Spielanleitung ist für den Spieler gut sichtbar im vorderen Teil des Gerätes angebracht, einem glasbedeckten Holzkasten. Nach Einwurf der Münzen musste er zuerst den linken Knopf herausziehen, das Abrollen der Kugel abwarten und dann den Knopf wieder in die Ausgangsposition zurückschieben. Mit dem rechten Knopf forderte er eine Abschuss-Stange ein, die den Lauf der Kugel veränderte. Landete die Kugel am Ende des Spiels in der roten Klappe, so konnte man sich nicht nur über die doppelte Trefferanzahl freuen, sondern auch über eine Freikugel für ein weiteres Spiel.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene E.

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Im TECHNOSEUM entdeckt: Der Wellenschreiber

Steigt der Blutdruck, wenn man schneller atmet? Was haben Atmung und Blutkreislauf miteinander zu tun? Thesen und Annahmen gab es in der Geschichte viele. Gemessen wurde das erstmals im 19. Jahrhundert mit einem Wellenschreiber, der Körperfunktionen aufzeichnet. Zu sehen im TECHNOSEUM auf Ebene B.

Von Mythen zur Messung
Begann vieles in der Medizin mit Überlieferungen, so setzten sich im 19. Jahrhundert die forschenden Naturwissenschaften mit ihrer rein naturwissenschaftlich begründeten Lehre von den Vorgängen im Körper immer stärker durch. Mit Hilfe der Physik, Chemie und systematisch durchgeführten Experimenten konnten diese Vorgänge nun erklärt werden. Und zum gleichen Zeitpunkt wurden sie auch messbar: Um den Blutdruck und seine Schwankungen beobachten zu können, erfand man Apparaturen, die die Abläufe als Messkurven aufzeichneten. 1846 entwickelte etwa der Leipziger Physiologe Carl Ludwig den so genannten Kymographen, einen Wellenschreiber, um Körperfunktionen aufzuzeichnen. Mit diesem wollte Ludwig die Wechselwirkung zwischen der äußeren Atmung und dem Blutkreislauf untersuchen. Dazu war es notwendig, die Druckveränderungen der Arterien synchron mit den Veränderungen in der Atmung aufzeichnen.

Feinste Mechanik
Der Wellenschreiber, der im TECHNOSEUM zu sehen ist, wurde um 1900 in Leipzig hergestellt. Durch ein Uhrwerk versetzte man die obere Trommel, die mit einem berußten Papier bespannt war, in gleichmäßige Bewegung. Was auf dem Bild nicht zu sehen ist – eine Nadel, die je nach Untersuchung über eine mechanische Vorrichtung mit einer Person verbunden war, bewegte sich auf und ab und ritzte auf der Rußschicht die entsprechende Körperfunktion als Kurve ein. Die so entstandene Aufzeichnung konnte man anschließend mit Schellack fixieren.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene B.

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Im TECHNOSEUM entdeckt: Das KdF-Spielzeugauto

Das Modellauto ist noch mit seiner Originalpappschachtel erhalten und enthält zudem mehrere Straßenschilder als Zubehör.

Das liebste Spielzeug der Großen darf natürlich auch in einem Kinderzimmer nicht fehlen: das Auto. Und das ist nicht immer ein Rennwagen, sondern manchmal auch ein Propagandafahrzeug. Eine der ersten Firmen, die sich auf die Produktion von Spielzeugautos konzentrierten, war die Firma Josef Neuhierl.

Das Modell fürs Kinderzimmer
Der deutsche Spielzeugproduzent gründete bereits 1920 seine Firma in Nürnberg und begann hier hauptsächlich Autos, Rennwagen, Lastwagen und Flugzeuge in Kleinformat zu bauen. Auch in den Kriegsjahren stand die Produktion nicht still: In den Kinderzimmern wurde dann eben mit Militärspielzeug gespielt. Auch den KdF-Wagen, der 1938 der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde, gab es kurz darauf in der Mini-Version.

Die Idee eines Volkswagens
1934 erhielt Ferdinand Porsche von den Nationalsozialisten den Auftrag, einen Volkswagen zu entwickeln. Das Auto sollte Platz für zwei Erwachsene und drei Kinder haben, eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern erreichen und im Durchschnitt nicht mehr als sieben Liter Benzin auf 100 km verbrauchen. Laut Vorgaben von Adolf Hitler sollte der Wagen weniger als 1.000 Reichsmark kosten und somit für jeden erschwinglich sein. 1938 wurde das Modell schließlich als „Kraft-durch-Freude-Wagen“ (KdF-Wagen) vorgestellt. Erworben werden konnte das Auto nur über die sogenannte KdF-Sparkarte: Der angehende Käufer musste pro Woche 5 Reichsmark in eine Kasse einzahlen – Zinsen gab es dafür keine. Am Ende gab es auch kein Auto, denn das Geld finanzierte die deutsche Rüstungsindustrie kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges. Der echte, große „KdF-Wagen“ sollte später als „Käfer“ Weltkarriere machen.

Spielzeug als Propaganda
Der KdF-Spielzeugwagen, der im TECHNOSEUM zu sehen ist, war für das NS-Regime ein weiteres Propagandamittel, sein Konzept der „Volksmotorisierung“ an die Bevölkerung und speziell an die Kinder und Jugendlichen zu bringen. Das Modellauto ist noch mit seiner Originalpappschachtel erhalten und enthält zudem mehrere Straßenschilder als Zubehör. Kinder konnten das Auto mit einem separaten Schlüssel aufziehen und es so fahren lassen. Aber auch in den Kinderzimmern fuhr der KdF-Wagen nicht lange: Mit Kriegsende beschlagnahmten die Amerikaner das gesamte Unternehmen mit allen Geräten und Maschinen.

Verkaufshit Carrera
Neuhierl produzierte kurz darauf schon wieder: 1954 und 1957 wurde ein Neubau in Fürth bezogen und Herrmann Neuhierl, Sohn des Firmengründer, übernahm die Geschäftsführung und begann mit der Produktion von Kunststoffautos.  Mit der Idee, eine Autorennbahn zu erschaffen, sattelte das Unternehmen komplett auf die beliebte Carrera-Bahn um und wurde so zum Inbegriff für Autorennbahnen in Deutschland. Heute gehört das Unternehmen nach seinem Konkurs 1985 einem österreichischen Unternehmen.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene E.

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Bienvenue chez les… « Gueules noires » !

Centre Historique minier (CHM) im französischen Lewarde

Der deutsch-französische Volontärsaustausch macht’s möglich: Seit gut einem Monat bin ich zu Gast im Centre Historique minier (CHM) in Lewarde bei Douai (Département Nord), Frankreichs größtem und meistbesuchtem Bergbaumuseum. Noch bis Ende Juni läuft das vom Deutsch-Französischen Jugendwerk und dem Haus der Geschichte in Bonn organisierte Austauschprogramm. Im Gastmuseum geht es um die fast drei Jahrhunderte umfassende Geschichte des Steinkohlebergbaus hier im äußersten Norden Frankreichs, wo bereits 1990 die letzte Zeche geschlossen wurde.

Das französische Bergbauvokabular ist für Ausländer zu Beginn gar nicht einfach.

Ein bekannter Dialekt
Vier der hierzulande „Gueules noires“ (wörtlich: „Schwarzmäuler“) genannten ehemaligen Kohlekumpel arbeiten noch auf der alten Zeche „Delloye“ in Lewarde – als Museumsführer erklären sie den Besuchern ihren früheren Berufsalltag und die Gefahren unter Tage. Besonders freut die Museumsgäste, dass sie bei dieser Gelegenheit auch das berühmt-berüchtigte „Ch’ti“ zu hören bekommen – den nuscheligen Dialekt des Nordens – der es dank des Films „Willkommen bei den Sch’tis“ von 2008 zu internationaler Bekanntheit brachte. Ausländer wie ich müssen da schon ganz genau hinhören, wie überhaupt man sich erst einmal das französische Bergbauvokabular aneignen muss. Wörter wie chevalement (=Förderturm), grisou (=Grubengas) oder marteau-piqueur (=Presslufthammer) gehören eben nicht unbedingt zum klassischen Schulstoff.

Direktorin und Kuratorin Amy Benadiba (links) ist zusammen mit Virginie Malolepszy, Leiterin der Bibliothek und des Archivs im Centre Historique minier, eine der Ansprechpartnerinnen für Marcel Böhles (Mitte)

Spannende Aufgaben
Geleitet wird das 1984 eröffnete Bergbaumuseum seit vergangenem Jahr von der erst 29-jährigen Direktorin und Kuratorin Amy Benadiba. Sie ist damit nicht nur administrative Chefin von rund 100 Bediensteten, sondern als einzige Kuratorin des Hauses auch für die Dauer- und Wechselausstellungen zuständig. Nach einer Sonderausstellung zu Emile Zola und dessen Bergbauepos „Germinal“ wird Anfang Juni eine weitere Ausstellung zum Thema Elektrizität folgen, an deren Vorbereitung ich noch mitwirken konnte. Als nächstes großes Projekt hat sich Amy Benadiba die Instandsetzung der Sammlung vorgenommen, die sich in teils sehr schlechtem Zustand befindet.

Spannend: Ein Besuch im Stollen.

Für den Besucheransturm gewappnet
Einen Schwerpunkt setzt das CHM bei der Vermittlungsarbeit und der Museumspädagogik. Tagtäglich kommen scharenweise Schulklassen und Gruppenreisende, um das Museum zu besuchen und anschließend via Förderkorb in den vermeintlich unterirdischen Stollen einzufahren. Dieser entpuppt sich zwar nach der Führung als ebenerdige Attrappe (die echten Stollen sind längst geflutet), doch das tut der Faszination keinen Abbruch.

Viele Schulklassen besuchen das Museum.

Über Besuchermangel kann sich das Haus nicht beschweren: Trotz der verkehrsungünstigen Lage abseits der Touristenpfade besuchten im letzten Jahr rund 150.000 Menschen das CHM – Tendenz steigend. Zum Besucheranstieg beigetragen haben makabrerweise auch die Terroranschläge der jüngsten Zeit: Seitdem nämlich müssen Frankreichs Museen infolge des Notfallplans „Vigipirate“ hohe Sicherheitsauflagen erfüllen (z. B. Taschen-kontrollen), um weiter Schulgruppen empfangen zu können. Im Gegensatz zu vielen Museen in der Umgebung ist das CHM dafür ausgerüstet und erlebt infolgedessen einen Besucherboom.

Zur Museumsnacht erstrahlte das komplette Museum.

Längst hat die Region Nord-Pas-de-Calais ihr vormals tristes Image abgelegt und bietet auch für die Freizeit viele Möglichkeiten. Gerade für Fans der Technik- und Sozialgeschichte bildet das ehemalige Kohlebecken eine wahre Fundgrube und ist seit 2012 auch Weltkulturerbe der UNESCO. Mehr als ein Grund also, sich auf den Weg nach Lewarde zu machen!

Marcel Böhles, Volontär im TECHNOSEUM

 

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