Im TECHNOSEUM entdeckt: Der Wellenschreiber

Steigt der Blutdruck, wenn man schneller atmet? Was haben Atmung und Blutkreislauf miteinander zu tun? Thesen und Annahmen gab es in der Geschichte viele. Gemessen wurde das erstmals im 19. Jahrhundert mit einem Wellenschreiber, der Körperfunktionen aufzeichnet. Zu sehen im TECHNOSEUM auf Ebene B.

Von Mythen zur Messung
Begann vieles in der Medizin mit Überlieferungen, so setzten sich im 19. Jahrhundert die forschenden Naturwissenschaften mit ihrer rein naturwissenschaftlich begründeten Lehre von den Vorgängen im Körper immer stärker durch. Mit Hilfe der Physik, Chemie und systematisch durchgeführten Experimenten konnten diese Vorgänge nun erklärt werden. Und zum gleichen Zeitpunkt wurden sie auch messbar: Um den Blutdruck und seine Schwankungen beobachten zu können, erfand man Apparaturen, die die Abläufe als Messkurven aufzeichneten. 1846 entwickelte etwa der Leipziger Physiologe Carl Ludwig den so genannten Kymographen, einen Wellenschreiber, um Körperfunktionen aufzuzeichnen. Mit diesem wollte Ludwig die Wechselwirkung zwischen der äußeren Atmung und dem Blutkreislauf untersuchen. Dazu war es notwendig, die Druckveränderungen der Arterien synchron mit den Veränderungen in der Atmung aufzeichnen.

Feinste Mechanik
Der Wellenschreiber, der im TECHNOSEUM zu sehen ist, wurde um 1900 in Leipzig hergestellt. Durch ein Uhrwerk versetzte man die obere Trommel, die mit einem berußten Papier bespannt war, in gleichmäßige Bewegung. Was auf dem Bild nicht zu sehen ist – eine Nadel, die je nach Untersuchung über eine mechanische Vorrichtung mit einer Person verbunden war, bewegte sich auf und ab und ritzte auf der Rußschicht die entsprechende Körperfunktion als Kurve ein. Die so entstandene Aufzeichnung konnte man anschließend mit Schellack fixieren.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene B.

Veröffentlicht unter Im TECHNOSEUM entdeckt | Hinterlasse einen Kommentar

Im TECHNOSEUM entdeckt: Das KdF-Spielzeugauto

Das Modellauto ist noch mit seiner Originalpappschachtel erhalten und enthält zudem mehrere Straßenschilder als Zubehör.

Das liebste Spielzeug der Großen darf natürlich auch in einem Kinderzimmer nicht fehlen: das Auto. Und das ist nicht immer ein Rennwagen, sondern manchmal auch ein Propagandafahrzeug. Eine der ersten Firmen, die sich auf die Produktion von Spielzeugautos konzentrierten, war die Firma Josef Neuhierl.

Das Modell fürs Kinderzimmer
Der deutsche Spielzeugproduzent gründete bereits 1920 seine Firma in Nürnberg und begann hier hauptsächlich Autos, Rennwagen, Lastwagen und Flugzeuge in Kleinformat zu bauen. Auch in den Kriegsjahren stand die Produktion nicht still: In den Kinderzimmern wurde dann eben mit Militärspielzeug gespielt. Auch den KdF-Wagen, der 1938 der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde, gab es kurz darauf in der Mini-Version.

Die Idee eines Volkswagens
1934 erhielt Ferdinand Porsche von den Nationalsozialisten den Auftrag, einen Volkswagen zu entwickeln. Das Auto sollte Platz für zwei Erwachsene und drei Kinder haben, eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern erreichen und im Durchschnitt nicht mehr als sieben Liter Benzin auf 100 km verbrauchen. Laut Vorgaben von Adolf Hitler sollte der Wagen weniger als 1.000 Reichsmark kosten und somit für jeden erschwinglich sein. 1938 wurde das Modell schließlich als „Kraft-durch-Freude-Wagen“ (KdF-Wagen) vorgestellt. Erworben werden konnte das Auto nur über die sogenannte KdF-Sparkarte: Der angehende Käufer musste pro Woche 5 Reichsmark in eine Kasse einzahlen – Zinsen gab es dafür keine. Am Ende gab es auch kein Auto, denn das Geld finanzierte die deutsche Rüstungsindustrie kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges. Der echte, große „KdF-Wagen“ sollte später als „Käfer“ Weltkarriere machen.

Spielzeug als Propaganda
Der KdF-Spielzeugwagen, der im TECHNOSEUM zu sehen ist, war für das NS-Regime ein weiteres Propagandamittel, sein Konzept der „Volksmotorisierung“ an die Bevölkerung und speziell an die Kinder und Jugendlichen zu bringen. Das Modellauto ist noch mit seiner Originalpappschachtel erhalten und enthält zudem mehrere Straßenschilder als Zubehör. Kinder konnten das Auto mit einem separaten Schlüssel aufziehen und es so fahren lassen. Aber auch in den Kinderzimmern fuhr der KdF-Wagen nicht lange: Mit Kriegsende beschlagnahmten die Amerikaner das gesamte Unternehmen mit allen Geräten und Maschinen.

Verkaufshit Carrera
Neuhierl produzierte kurz darauf schon wieder: 1954 und 1957 wurde ein Neubau in Fürth bezogen und Herrmann Neuhierl, Sohn des Firmengründer, übernahm die Geschäftsführung und begann mit der Produktion von Kunststoffautos.  Mit der Idee, eine Autorennbahn zu erschaffen, sattelte das Unternehmen komplett auf die beliebte Carrera-Bahn um und wurde so zum Inbegriff für Autorennbahnen in Deutschland. Heute gehört das Unternehmen nach seinem Konkurs 1985 einem österreichischen Unternehmen.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene E.

Veröffentlicht unter Im TECHNOSEUM entdeckt | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 1 Kommentar

Bienvenue chez les… « Gueules noires » !

Centre Historique minier (CHM) im französischen Lewarde

Der deutsch-französische Volontärsaustausch macht’s möglich: Seit gut einem Monat bin ich zu Gast im Centre Historique minier (CHM) in Lewarde bei Douai (Département Nord), Frankreichs größtem und meistbesuchtem Bergbaumuseum. Noch bis Ende Juni läuft das vom Deutsch-Französischen Jugendwerk und dem Haus der Geschichte in Bonn organisierte Austauschprogramm. Im Gastmuseum geht es um die fast drei Jahrhunderte umfassende Geschichte des Steinkohlebergbaus hier im äußersten Norden Frankreichs, wo bereits 1990 die letzte Zeche geschlossen wurde.

Das französische Bergbauvokabular ist für Ausländer zu Beginn gar nicht einfach.

Ein bekannter Dialekt
Vier der hierzulande „Gueules noires“ (wörtlich: „Schwarzmäuler“) genannten ehemaligen Kohlekumpel arbeiten noch auf der alten Zeche „Delloye“ in Lewarde – als Museumsführer erklären sie den Besuchern ihren früheren Berufsalltag und die Gefahren unter Tage. Besonders freut die Museumsgäste, dass sie bei dieser Gelegenheit auch das berühmt-berüchtigte „Ch’ti“ zu hören bekommen – den nuscheligen Dialekt des Nordens – der es dank des Films „Willkommen bei den Sch’tis“ von 2008 zu internationaler Bekanntheit brachte. Ausländer wie ich müssen da schon ganz genau hinhören, wie überhaupt man sich erst einmal das französische Bergbauvokabular aneignen muss. Wörter wie chevalement (=Förderturm), grisou (=Grubengas) oder marteau-piqueur (=Presslufthammer) gehören eben nicht unbedingt zum klassischen Schulstoff.

Direktorin und Kuratorin Amy Benadiba (links) ist zusammen mit Virginie Malolepszy, Leiterin der Bibliothek und des Archivs im Centre Historique minier, eine der Ansprechpartnerinnen für Marcel Böhles (Mitte)

Spannende Aufgaben
Geleitet wird das 1984 eröffnete Bergbaumuseum seit vergangenem Jahr von der erst 29-jährigen Direktorin und Kuratorin Amy Benadiba. Sie ist damit nicht nur administrative Chefin von rund 100 Bediensteten, sondern als einzige Kuratorin des Hauses auch für die Dauer- und Wechselausstellungen zuständig. Nach einer Sonderausstellung zu Emile Zola und dessen Bergbauepos „Germinal“ wird Anfang Juni eine weitere Ausstellung zum Thema Elektrizität folgen, an deren Vorbereitung ich noch mitwirken konnte. Als nächstes großes Projekt hat sich Amy Benadiba die Instandsetzung der Sammlung vorgenommen, die sich in teils sehr schlechtem Zustand befindet.

Spannend: Ein Besuch im Stollen.

Für den Besucheransturm gewappnet
Einen Schwerpunkt setzt das CHM bei der Vermittlungsarbeit und der Museumspädagogik. Tagtäglich kommen scharenweise Schulklassen und Gruppenreisende, um das Museum zu besuchen und anschließend via Förderkorb in den vermeintlich unterirdischen Stollen einzufahren. Dieser entpuppt sich zwar nach der Führung als ebenerdige Attrappe (die echten Stollen sind längst geflutet), doch das tut der Faszination keinen Abbruch.

Viele Schulklassen besuchen das Museum.

Über Besuchermangel kann sich das Haus nicht beschweren: Trotz der verkehrsungünstigen Lage abseits der Touristenpfade besuchten im letzten Jahr rund 150.000 Menschen das CHM – Tendenz steigend. Zum Besucheranstieg beigetragen haben makabrerweise auch die Terroranschläge der jüngsten Zeit: Seitdem nämlich müssen Frankreichs Museen infolge des Notfallplans „Vigipirate“ hohe Sicherheitsauflagen erfüllen (z. B. Taschen-kontrollen), um weiter Schulgruppen empfangen zu können. Im Gegensatz zu vielen Museen in der Umgebung ist das CHM dafür ausgerüstet und erlebt infolgedessen einen Besucherboom.

Zur Museumsnacht erstrahlte das komplette Museum.

Längst hat die Region Nord-Pas-de-Calais ihr vormals tristes Image abgelegt und bietet auch für die Freizeit viele Möglichkeiten. Gerade für Fans der Technik- und Sozialgeschichte bildet das ehemalige Kohlebecken eine wahre Fundgrube und ist seit 2012 auch Weltkulturerbe der UNESCO. Mehr als ein Grund also, sich auf den Weg nach Lewarde zu machen!

Marcel Böhles, Volontär im TECHNOSEUM

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Im TECHNOSEUM entdeckt: Die Nudelmaschine

Die Nudelmaschine wurde in Stuttgart um 1930 bei Werner & Pfleiderer hergestellt.

Gesiebtes Mehl, Wasser und Eigelb: Mehr braucht es nicht für typisch schwäbische Nudeln. Und weil im Südwesten Deutschlands der Nudelverbrauch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts höher als in anderen Regionen war, waren hier vorwiegend auch die Firmen anzutreffen, die sich ganz der Herstellung von Maschinen zur Nudelproduktion verschrieben hatten.

Kneten, walzen, schneiden
Die Nudelmaschine, die im TECHNOSEUM zu sehen ist, wurde in Stuttgart um 1930 bei Werner & Pfleiderer hergestellt. Die Maschinenbaufirma hatte sich seit ihrer Gründung Ende der 1870er Jahre auf Teigkneter, Walzen, Pressen und Trockner für Bäckereien und die Nudelindustrie spezialisiert. Bei dieser Nudelmaschine handelt es sich um eine Teigwalze: Auf dieser ließ man den Teig, der zuvor aus Mehl, Wasser und Eigelb vermischt und geknetet wurde, so lange hin- und herlaufen, bis ein glatter, zäher Teigkuchen entstand. Dieser Teigkuchen wurde geschnitten oder durch spezielle Formen gepresst, so dass die fertigen Nudeln nur noch getrocknet werden mussten.

Über 600 Sorten
Die Mechanisierung der Produktion hat der Nudel eine immense Vielfalt beschert: Über 600 Nudelsorten gibt es weltweit, in Deutschland warten 100 verschiedene Arten in den Supermarktregalen auf die Nudelliebhaber. Trotz schneller Verfügbarkeit und günstiger Preise möchten viele Verbraucher — vor allem in Südwestdeutschland — aber nicht darauf verzichten, ihre eigenen Nudeln herzustellen: Sie können sich mit Hilfe kleiner Nudel- und Teigmaschinen für den Eigenbedarf in der Küche austoben. Und tragen so dazu bei, dass hierzulande der Nudelkonsum mit rund 15 kg pro Person im Jahr doppelt so hoch ist wie im restlichen Deutschland.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene C.

Veröffentlicht unter Im TECHNOSEUM entdeckt | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Von Nudeln und Königen

Ein Besuch in der Nudelfabrik stand in diesem Jahr auf dem Programm für den Ausflug der Ehrenamtlichen Kräfte des TECHNOSEUM.

Als Dankeschön für ihr großes Engagement bietet das TECHNOSEUM seinen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein vielfältiges Jahresprogramm mit Ausflügen, Führungen und Fortbildungen an. Im Rahmen dieses Programms ging es bei der diesjährigen Exkursion im Mai über den Rhein und in die schöne Pfalz. Zunächst stand ein Besuch in Großfischlingen bei der Gutting Pfalznudel GmbH auf dem Plan. Hier werden direkt vor Ort Nudeln in allen erdenklichen Formen, Farbgebungen und Geschmacksrichtungen produziert. Dabei wird großer Wert auf höchste Qualität gelegt und nur die besten Zutaten sowie ausschließlich natürliche Farbstoffe verarbeitet. Das traditionsreiche Familienunternehmen wurde schon vielfach ausgezeichnet für seine riesige Produktpalette und liefert mittlerweile seine Teigwaren rund um den ganzen Globus aus.

Die Ehrenamtlichen erhielten Einblick in die Produktionsabläufe.

Bei einer Werkbesichtigung erhielten die Ehrenamtlichen einen spannenden Blick hinter die Kulissen der Nudelproduktion.

Nach einer Verkostung der köstlichen Pfälzer Teigwaren im angrenzenden Restaurant und einen kleinen Abstecher in den Laden, wo ein breites Sortiment an Nudeln drauf wartete mit nach Hause genommen zu werden, ging es weiter zur Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben.

Hoch über dem Pfälzer Rebenmeer thront majestätisch die Villa Ludwigshöhe. Erbaut wurde die einstige Sommerresidenz von Ludwig I von Bayern. Der Monarch war ein großer Verehrer Italiens und so ist der vierflügelige Bau in Stile einer italienischen Villa errichtet. Bei einer kurzweiligen Führung durch die herrschaftlichen Räume wurde die Zeit der bayrischen Könige wieder lebendig und die Ehrenamtlichen erfuhren Spannendes und auch Amüsantes über die einstigen Bewohner der Villa. Bei der anschließenden Stärkung mit Kaffee und einer stilechten „Prinzregenten-Torte“ genossen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen grandiosen Blick bis hinunter in die Rheinebene.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Essen in Shanghai

Die Kantine: Hier trifft man sich zum Austausch.

Seit 2011 besteht nun schon unsere Kooperation mit dem Shanghai Science and Technology Museum. Bestandteil der Zusammenarbeit ist ein Mitarbeiteraustausch: Jährlich besucht uns ein/e Mitarbeiter/in aus China und ein/e Kollege/in darf Shanghai entdecken. In diesem Jahr hat unser Kollege Stefan Mattern aus der IT-Abteilung die Chance, in die chinesische Kultur einzutauchen. Hier ist sein Bericht zum Essen in Shanghai:

Wissensvermittlung in der Kantine
Ich bin nun seit fast vier Wochen in unserem Partnermuseum Shanghai Science and Technology Museum tätig und neben der sehr interessanten täglichen Arbeit in einem sehr netten und aufgeschlossenen Team spielt das Alltagsthema „Essen“ eine wichtige Rolle in der Kommunikation untereinander. Alle Kollegen und Kolleginnen – auch diejenigen, die nur wenig Englisch sprechen – beteiligen sich engagiert an der Diskussion und versuchen, mir die vielfältigen Seiten der Chinesischen Küche nahezubringen.

Das Küchenteam im SSTM

Erster Ort der Wissensvermittlung ist die Kantine des Museums, die ab 11:30 Uhr verschiedene Gerichte bietet. Es gibt die Wahl zwischen einem Fleisch- oder Fischgericht sowie Beilagen, die meist aus Gemüse oder Kartoffeln bestehen, einer Suppe sowie einer Schüssel Reis. Obst, Yoghurt und ein Fruchtsaft als Getränk wird ebenfalls angeboten. Für das Ganze werden 10 RMB per Chipkarte entrichtet – dies entspricht etwa 1,50 € (subventioniertem) Essenspreis. Meist ist die Menge nicht zu schaffen – es wird in China generell immer mehr aufgetischt als letztlich gegessen werden kann. Das Tischgespräch dreht sich dann häufig um die Inhalte und Bestandteile der Gerichte, für deren korrekte englische Übersetzung ich öfter einmal die App des Smartphones zu Rate ziehe.

Die Sichuan-Küche zeichnet sich durch viel Chili aus.

Was wo gerne gegessen wird
Die chinesische Küche ist äußerst vielfältig, sowohl was die Anzahl der regionalen Spezialitäten als auch die der jeweiligen Bestandteile anbelangt. Grundsätzlich werden acht unterschiedliche Kochregionen unterschieden: in Zentralchina wird angeblich alles gegessen – mit Ausnahme der eigenen Artgenossen. Die am schärfsten gewürzten Speisen (Chili, verschiedene Pfeffersorten) stammen aus der südwestlichen Provinz Sichuan (Hauptstadt Chengdu), im Norden des Landes dominieren Nudeln als Beilage, auch Pfannkuchen und eine Art Dampfnudeln mit verschiedenen Füllungen sind sehr populär.

Meine Lieblingsmaultaschen - einfach lecker!

Hier an der Ostküste sieht es etwas anders aus: Häufig ist neben dem in ganz China angebotenen Schweinefleisch auch Fisch im Angebot. Meine absolute Lieblingsspeise sind derzeit die mit verschiedenen Füllungen (Fleisch, Fisch, Gemüse) erhältlichen Maultaschen, deren Hülle aus Teig besteht und die entweder in heißem Dampf gegart oder nach dem Garungsprozess noch knusprig angebraten werden. Jeden Freitag werden sie auch in der Kantine als ein Spezialangebot offeriert.

Reismaultaschen zum Drachenbootfest

Zum Drachenbootfest werden speziell in Blätter eingehüllte dreieckige Maultaschen gegessen, die mit klebrigem Reis und einer Fleischfüllung versehen sind. Selbstverständlich gibt es auch saisonale Spezialitäten in Shanghai: mit Krebsfleisch gefüllte Maultaschen, im heißen Sommer kalte süßlich schmeckende Bohnensuppe oder hippe Getränke (Heytea) und Gerichte (Cremetasche mit Hülle aus geröstetem Schweinefleisch) die nur durch langes sehr langes Anstehen zu ergattern sind. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Sitte, alle bestellten Gerichte gleichzeitig zu servieren, so dass der Tisch zum Abstellen kaum noch ausreicht und die Gerichte eher lauwarm als heiß gegessen werden.

Ansturm bei Heytea in Shanghai

Asiatische Küche trifft…
Im Straßenbild dominieren die kleinen Restaurants, die den ganzen Tag verschiedene Gerichte zu günstigen Preisen offerieren – sie haben in Shanghai die Garküchen auf der Straße fast vollständig ersetzt: Bei einem Bummel in der Mittagspause zu einem nahe gelegenen Café, waren alle ganz begeistert von einem kleinen Stand, der geröstete Süßkartoffeln zum Kauf anbot. Selbstverständlich musste ich eine rosa Kartoffel probieren: heiß und schmackhaft. Das riesige Angebot an Restaurants wird in den letzten Jahren zunehmend durch international operierende Ketten wie McDonalds, Burger King und KFC erweitert, die sich zunehmender Popularität erfreuen. Aber auch andere asiatische Küchen (japanisch, koreanisch, thailändisch) lassen sich öfter antreffen, ergänzt durch europäische Angebote. Das dominierende Heißgetränk, der Tee, erhält immer mehr Konkurrenz durch ein wachsendes Kaffeeangebot internationaler Ketten wie Starbucks oder Costa’s Coffee, die überwiegend von der jüngeren Generation besucht werden. Unerwartet für mich war die große Anzahl an kleineren Bäckereien und Konditoreien, die aufwendige Torten und anderes Süßgebäck anbieten.

Bezahlen per App
In fast allen Restaurants besteht inzwischen die Möglichkeit einer bargeldlosen Bezahlung mit Hilfe einer App, die mit einem Bankkonto verknüpft werden kann. Im Unterschied zu Deutschland, wo die Karten- oder Bargeldzahlung noch dominiert, wir hier mit Alipay oder der multifunktionalen Messenger-App WeChat nicht nur in Restaurants, sondern auch in vielen anderen Geschäften bezahlt.

Stefan Mattern

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Im TECHNOSEUM entdeckt: Die Eierlegende Henne

Die „Eierlegende Henne“ war einer der beliebtesten Verkaufsautomaten.

Ach, war das schön, als man sich als Kind auf dem Weg nach Hause mit ein paar Pfennigen am Automaten um die Ecke noch einen Kaugummi holte. Und wie groß war die Hoffnung, dass beim Drehen des Griffes auch die Kugel mit dem gewünschten Inhalt herauskam. Heute sind Süßigkeiten-Automaten aus dem Stadtbild nahezu verschwunden. Zu Beginn des 20 Jahrhunderts allerdings gehörte die „Eierlegende Henne“ zu einem der beliebtesten Verkaufsautomaten.

Gefahr aus dem Automaten
Die Begeisterung für die ersten Münzautomaten, die Postkarten oder Bücher verkauften, schwappte gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus den USA nach Europa über. Als erster Unternehmer, der in Deutschland Verkaufsautomaten etablierte, gilt der Kölner Schokoladenproduzent Ludwig Stollwerck. 1887 stellte das Unternehmen seinen ersten Automaten mit Produktproben auf.  Auf Süßes aus einem Kasten hatten allerdings nicht alle Lust: Die Kirche äußerte sich kritisch, weil Gläubige während der Fastenzeit und am Sonntag verführt werden könnten, Süßes zu kaufen. Und auch Ämter und Verwaltungen sorgten sich um die Gesundheit der Bevölkerung und forderten eine spezielle Besteuerung für die Aufsteller. Der Erfolg war aber nicht aufzuhalten, so dass sich die Gründung einer eigenen Firma, der Deutschen Automaten Gesellschaft Stollwerck & Co. zur Aufstellung, Produktion und Bestückung der Süßwarenspender lohnte.

150 Schokoeier als Belohnung
Die „Eierlegende Henne“, die im TECHNOSEUM zu sehen ist, ist ein Schokoladenautomat, der um 1920 von der MUM Automaten GmbH in Dresden hergestellt wurde. Um an die mit Schokolade gefüllten Blecheier der Henne zu gelangen, musste man 10 Pfennige einwerfen und am Griff drehen – schon purzelte ein Ei heraus, begleitet von einem Gackern aus der blechernen Henne. Die Henne um ein Ei zu berauben, ohne zu bezahlen, galt als gemeiner Betrug. „Bei Einwurf von Falschgeld, gibt der Apparat kein Ei, außerdem wird dies als Betrug bestraft“, steht deutlich am Drehknopf geschrieben. Stolze 15 Mark Belohnung erwarteten denjenigen, der betrügerische Handlungen dieser Art beobachtete und zur Anzeige brachte – ob man sich die Belohnung auch in 150 Schokoeiern auszahlen lassen konnte, ist leider nicht bekannt.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene E im Bereich der Automaten.

 

Veröffentlicht unter Im TECHNOSEUM entdeckt | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die Schnellschreibmaschine von Drais

Drais hatte seine Erfindung als Stenographiermaschine konzipiert.

Was für ein Jubiläum! 2017 wird Freiherr Karl von Drais für seine größte Erfindung gefeiert: Die Laufmaschine, mit der er vor 200 Jahren zu seiner ersten Ausfahrt aufbrach. Kaum einer weiß dabei, dass der Forstmeister und Professor für Mechanik weitaus mehr erfunden hat als den Vorläufer des Fahrrades, so etwa einen Klavierrekorder, einen sparsamen Holzofen und eine Schnellschreibmaschine.

Ein Schreibklavier muss her
Die Laufmaschine war schon vier Jahre alt, als Karl Drais 1821 das Schreibklavier erfand. Der Hintergrund war ein rein privater: Sein Vater, Karl Wilhelm Ludwig Friedrich von Drais von Sauerbronn, drohte zu erblinden. Damit der Geheimrat weiter seiner Arbeit als Oberhofrichter nachgehen konnte, erfand sein Sohn Karl eine mechanische Schreibhilfe – das Schreibklavier mit 25 fühlbaren Buchstabentasten. Er prägte – ähnlich dem Prinzip des Franzosen Braille von 1825– aus Punkten zusammengesetzte Buchstaben auf Papierstreifen. Karl Drais wählte für jeden von 25 Buchstaben eine eigene Taste, die er im Quadrat von fünf mal fünf Tasten anordnete. Das Papier wurde dabei auf einer Walze mit Uhrwerk aufgespult und so durch die Schreibmaschine gezogen.

Aus 5×5 wird 4×4
Die Weiterentwicklung des Schreiklaviers kam zehn Jahre später: die Schnellschreibmaschine. Schnell, weil man damit vor allem schneller schreiben sollte: Drais hatte sie als Stenographiermaschine konzipiert. Dazu hatte er sie mit nur noch 16 Buchstabentasten belegt, bei denen die Tasten teilweise doppelt in einer 4×4-Anordnung angelegt waren. Die Schnellschreibmaschine, die in der Sonderausstellung „2 Räder – 200 Jahre“ im TECHNOSEUM zu sehen ist, ist eine reine Rekonstruktion aus dem Jahr 1988 des Holzgehäuses ohne Mechanik. Sie wurde in der Schreinerei des Museums gebaut. In der oberen Fläche des Holzkastens sind mittig vier mal vier quadra­ti­sche abwärts­ an­ge­ord­nete Buchsta­ben­tas­ten versenkt.

Innenleben unbekannt
Wie schon beim Schreibklavier wurde ein Papierstreifen durch eine Spule mit Uhrwerk aufgerollt, durch die Maschine gezogen und dabei von den Buchstaben „gestanzt“ bzw. geprägt. Buch­sta­ben, die auf den Tasten fehlten, erzeugte man durch das gleich­zei­tige Drücken mehre­rer Tas­ten. Wie die Mechanik im Inneren der Maschine aussah, ist dagegen völlig unbekannt, weil weder eine Maschine noch ein Bauplan erhalten geblieben sind.

Wo im TECHNOSEUM? In der Sonderausstellung „2 Räder – 200 Jahre. Freiherr von Drais und die Geschichte des Fahrrades“ noch bis zum 25. Juni 2017 zu sehen.

Veröffentlicht unter Im TECHNOSEUM entdeckt | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Radio-Archäologie – Was Staub uns verrät

Schicht für Schicht werden die Staubschichten abgetragen.

Staub ist ein ständiges Ärgernis, nicht nur zu Hause, sondern auch im Museum. Doch manchmal hilft er auch bei der Dokumentationsarbeit. Mit einer besonderen Analysemethode bringen die Kollegen im Depot jetzt Licht ins Dunkel mancher Objektgeschichte. Grundlage ist die sogenannte Radio-Archäologie.

Die Analyser erfolgt mit dem Interferometer.

Analyse per Interferometrie
Die Staubschichten, die sich im Inneren der Radiogehäuse auf den Bauteilen über die Jahre abgesetzt haben werden mit speziellen Klebestreifen Schicht für Schicht abgetragen und mit dem UV-Laser-Interferometer analysiert. Verschiedene Parameter im Feinstaub werden abgeprüft, z.B. Rußpartikel, organische und mineralische Fette und Öle, Schwefel und Lösungsmittel. Separat wird auch eine Pollenanalyse durchgeführt.

Die Geschichte aus den Schichten
So erschließt sich aus dem Schichtaufbau eine genaue Standortgeschichte. Küchenstaub enthält viel pflanzliche Fette, Garagenstaub birgt eher mineralische Öle und organische Lösungsmittel, Wohnzimmerstaub hingegen trägt meist nur die Grundinformation der Stadt in sich.

Diese Grundinformation ist es, die die Radio-Archäologie so besonders interessant macht: jede Stadt in Deutschland hat eine charakteristische Staubzusammensetzung. Die Mischung aus verschiedenen Industrieabgasen, bevorzugten Heizmaterialien und Pflanzenpollen erzeugt ein Staubbild, das so unverwechselbar ist wie ein Fingerabdruck. So kann ganz genau abgelesen werden, wenn ein Gerät von Dresden nach Hamburg und von dort nach Mannheim gewandert ist.

Wie das Team im Depot arbeitet, zeigt auch dieser Film

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Im TECHNOSEUM entdeckt: Das Benz-Lieferverzeichnis

Jede Abgabe und Auslieferung eines Automobils ist in diesem Lieferverzeichnis handschriftlich mit Datum und Empfänger sowie Ort vermerkt.

Als Carl Benz am 29. Januar 1886 unter der Nummer 37435 das Patent auf seinen Motorwagen erhielt, war das Auto offiziell geboren. Doch wer hat wann in der Werkstätte und im Betrieb Benz einen originalen Benz gekauft? Das verrät das Lieferverzeichnis der Familie.

Benz in Frankreich
Jede Abgabe und Auslieferung eines Automobils ist in diesem Lieferverzeichnis handschriftlich mit Datum und Empfänger sowie Ort vermerkt: Gernsbach, Hildesheim, München und Augsburg tauchen ebenso auf wie Paris. Die französische Hauptstadt sogar mehrfach, der Empfänger ist immer Emile Roger. Wozu Roger so viele Automobile benötigte? Er verkaufte sie in Frankreich einfach weiter. Roger war damit der erste Vertreter der Mannheimer Fabrik und verkaufte in der Anfangszeit von Benz die meisten Autos. Bis 1893 verkaufte Benz von den insgesamt 69 produzierten Autos gut 60 Prozent nach Frankreich. Dass vor allem Frankreich Interesse bekundete, kam nicht von ungefähr – die Franzosen hatten zu dem Zeitpunkt die besseren Straßen und standen neuen Fahrzeugen aufgeschlossen gegenüber.

Firmengeschichte hautnah
Nach den Kriegsgeschehnissen ist es ein kleines Wunder, dass dieses Verzeichnis aus der frühen Firmengeschichte von Benz & Cie überhaupt existiert. 2016 hatte das TECHNOSEUM mehrere tausend Objekte aus dem Besitz der Familie Benz im Rahmen einer Schenkung übernommen. Darunter befindet sich ein Tourenwagen aus dem Jahr 1924 ebenso wie ein Paar Schlittschuhe, die Carl Benz laut Überlieferung eigenhändig für sich selbst gefertigt hatte, diverse Möbel sowie zahlreiche Fotos, Briefe und weitere Archivalien. Und eben auch das Lieferverzeichnis der Familie Benz aus den ersten Jahren des wirtschaftlichen Erfolgs, die zeigen, wie groß der Wettlauf um die Vorherrschaft im Automobilbau war.

Wo im TECHNOSEUM? Ab dem 17.3.2017 in der Dauerausstellung Automobilbau auf der Ebene F.

Veröffentlicht unter Im TECHNOSEUM entdeckt | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar