Im TECHNOSEUM entdeckt: Die Sprechende Schokolade

Manche Musik ist zum Dahinschmelzen. Aber wussten Sie auch, dass es Plattenspieler gab, die zartschmelzende Schokoladenplatten abspielten? Im TECHNOSEUM können Sie die skurrile Erfindung bewundern.

Technik-Hype trifft Schoko-Wahn
Was nach einem Aprilscherz klingt, war tatsächlich eine geniale Marketingidee von Ludwig Stollwerck und Thomas Alva Edison. Der Kölner Schokoladenproduzent und der Erfinder trafen sich 1893 auf der Weltausstellung in Chicago. Sie waren von den Ideen und Entwicklungen des jeweils anderen begeistert. Edison präsentierte dort den Phonographen, ein Tonaufnahme- und Abspielgerät mit sich drehenden Walzen, in die Schallschwingungen geritzt sind. Stollwercks Exponat war zwar weniger innovativ, aber dafür optisch beeindruckend – und ein echter Leckerbissen: Er ließ einen „Schokoladen-Tempel“ bauen, der eine 12 Meter hohe Schoko-Nachbildung der Germania des Niederwalddenkmals zeigte.

Ein Produkt für (fast) alle Sinne
Gemeinsam gründeten der Technik-Visionär und der Schoko-Papst 1895 die „Deutsche Edison Phonograph Compagnie“ in Köln und schon bald war die Idee einer Schokoladen-Schallplatte geboren. Stollwerck stieß nämlich auf einen Spielzeug-Phonographen, der per Hand angekurbelt wurde und kleine Platten statt Walzen nutzte. Und was liegt da näher, als das Plattenmaterial durch Schokolade zu ersetzen?

Musikgenuss & Kalorienüberschuss
Im Spätjahr 1903 kam dann der Blech-Phonograph mit Schokoplatten auf den Markt und wurde der Renner im Weihnachtsgeschäft. Erhältlich war er mit Handkurbel oder aufziehbarem Uhrwerk. Unser Modell in der Ausstellung Mediengeschichte ist das Nachfolgemodell von 1904 – mit Holzgehäuse und Messingbeschlägen. Neben Schokolade konnte es auch Platten aus Hartgummi abspielen.
Die Schokoladen-Schallplatten kamen 1903 übrigens in „Qualität Extra-Zart“ und mit über 100 verschiedenen Liedern auf den Markt. Die Schoko-Tonträger konnte man etwa 10 Mal abspielen, dann war Schluss – wenn die Kinder überhaupt so lange der süßen Versuchung widerstehen konnten.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene F.

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In der Spur bleiben: Modelleisenbahnen im TECHNOSEUM

Modelleisenbahnen – sie begeistern vor allem Männer. Im TECHNOSEUM sind diese technischen Miniaturen Teil der Sammlung und eine Quelle mit großer Aussagekraft für unsere Alltagskultur.

Lummerland auf dem Schreibtisch
Mit der Modelleisenbahn verbinden sich Emotionen. In der Kindheit wurde mühsam dafür gespart oder auf den Weihnachtsmann gewartet, der vielleicht den einen oder anderen Waggon bringt. Unzählige Stunden wurden mit der Bahn verbracht, die technische Faszination war grenzenlos. Noch heute blicke ich in leuchtende Augen, wenn ich am Inventarisieren bin und meine männlichen Kollegen Lokomotiven und Waggons der Marken Fleischmann, Liliput, Märklin oder Roco auf meinem Schreibtisch entdecken.

Carola fährt mit
Und manchmal ist so eine kleine Eisenbahn auch mit völlig anderen Emotionen verbunden. So erlebe ich bei der Inventarisierung eines braunen Güterwagens aus den 1970er-Jahren eine große Überraschung. Ich hebe das Dach ab und aus dem Laderaum lächelt mich ein junges Mädchen auf einem Porträtfoto an, das mit „Carola“ beschriftet ist. Der jugendliche Besitzer vertraute wohl mit diesem Foto seiner heißgeliebten Eisenbahn einen weiteren Schatz an.

Modellbahnglück
Was fasziniert an Modellbahnen? Ist es die Technik selbst, die Welt im Kleinen, die Möglichkeit, einmal Lokführer und Fahrdienstleiter zugleich zu sein oder einfach die Freude daran, etwas konstruktiv zu gestalten und aufzubauen? Auf jeden Fall vergisst man beim Tüfteln und Bauen mit der Modelleisenbahn den Alltag und geht völlig im Spielgeschehen auf. Einzelne Akteure erleben einen Flow.

Geschichte im Kleinen
Modelleisenbahnen erzählen viele Geschichten. Sie sind ein Spiegelbild der historischen Eisenbahnentwicklung und deren Abbildung im Modell, sie liefern Informationen über den zeitgenössischen Umgang der Menschen mit Technik und Innovationen und sie geben Aufschluss über den Modellbahnsport als populäre Freizeitgestaltung. Doch wie fing eigentlich alles an? Die ersten Modelle entstanden in England, fast zeitgleich mit den ersten Eisenbahnen. Und sie waren kein Spielzeug, sondern Anschauungsobjekte einer hypermodernen Technik. Sogar Johann Wolfgang von Goethe erwarb 1829 ein Pappmodell aus England.

Die Welt in Spur H0 (Maßstab: 1:87)
Bis zum Spielzeug war es noch ein Weg: Fahrtüchtige Spielzeuglokomotiven gab es in England erst seit 1840. In Deutschland erschienen 1835 zur Eröffnung der Strecke Nürnberg/Fürth Ausschneidebögen, und Spielzeugkataloge enthalten Eisenbahnen seit den 1860er Jahren. Dann kam Märklin und entwickelte 1891 ein Eisenbahnsystem mit Schienen und Zubehör. Doch der eigentliche Boom begann in den 1950er Jahren: Die Spurweite H0 (1:87) setzte sich durch, die Eisenbahn fand auf einer Tischplatte Platz. Das führte zu aufwendigen technischen Arrangements von Stromkreisen, Signalen und Beleuchtungen sowie zur Ausgestaltung der Plattenanlage mit Gebäuden und Landschaftselementen. Es eröffnete sich eine spannende Welt der Spurweite H0 mit leuchtenden Augen bei kleinen und großen Modelleisenbahnern.

Dr. Constanze N. Pomp, Abteilung Sammlungen

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Der Fall Crippen – Wie neue Technik einen Mörder überführt

In unserer Ausstellung zur Mediengeschichte ist das Titelblatt einer Ausgabe von „Le Petit Journal“ zu sehen. Die spannende Geschichte dahinter lässt sich natürlich nicht auf einer kleinen Texttafel erzählen. Deshalb holen wir das an dieser Stelle nach.
Im Jahr 1910 sorgt ein spektakuläres Verbrechen für Aufsehen: Der Arzt Dr. Crippen wird des Mordes an seiner Frau beschuldigt und flieht mit seiner Geliebten. Bei der Jagd nach dem Delinquenten kommt eine damals noch junge Technik zum Einsatz: der Funk.

Das Drama nimmt seinen Lauf
Dr. Hawley Harvey Crippen, homöopathischer Arzt in den USA, heiratet 1892 in zweiter Ehe die deutlich jüngere Cora Turner. Fünf Jahre später zieht das Paar nach London. Cora, die als Varietékünstlerin Belle Elmore auftritt, betrügt ihn immer wieder mit anderen Männern. Crippen arbeitet in einem Heilinstitut für Gehörlose, wo er eine Affäre mit der Sekretärin Ethel le Neve beginnt.
Nach einer Feier mit Freunden am 31. Januar 1910 verschwindet Cora spurlos. Crippen behauptet, sie sei in die USA zurückgezogen und dort gestorben. Zeitgleich zieht Ethel bei ihm ein. Schließlich gesteht er, Cora sei mit ihrem Geliebten durchgebrannt, was er aus Scham verschwiegen habe. Damit kann er den Verdacht von Scotland Yard zerstreuen. Erst als Crippen und Ethel überstürzt nach Antwerpen reisen, wo sie das Schiff SS Montrose nach Kanada besteigen, erhärtet sich der Verdacht. Bei der Hausdurchsuchung folgt dann der schockierende Fund: Leichenteile unter dem Kellerfußboden! Anhand einer Blinddarmnarbe werden sie als Überreste von Cora Crippen identifiziert. Todesursache: Gift.

Gefasst dank Funk
Der Kapitän des Schiffes SS Montrose, Henry George Kendall, ist über die Verbrecherjagd informiert. Er erkennt Crippen und die als Mann verkleidete Ethel unter den Passagieren und funkt ein Telegramm an die Britischen Behörden. Der zuständige Inspektor verliert keine Zeit. Er begibt sich umgehend an Bord des schnelleren Schiffes Laurentic und verhaftet das geflohene Paar am 31. Juli 1910. Der anschließende Prozess spaltet die Gemüter, denn Crippen gilt als freundlich, beteuert weiterhin seine Unschuld. Trotzdem wird er zum Tode durch Erhängen verurteilt, Ethel dagegen freigesprochen.

Zu Unrecht verurteilt?
Forscher der Universität von Michigan rollen den Fall 2007 wieder auf: Sie vergleichen die DNA der erhaltenen Leichenteile mit jener von noch lebenden Verwandten der Mutter Cora Crippens. Das spektakuläre Ergebnis: Angeblich handelt es sich nicht um Cora, sondern um Überreste eines Mannes! Einige Faktoren stellen den Befund jedoch in Frage. So waren die DNA-Proben nicht optimal und die Verwandtschaft der Testpersonen mit Cora Crippen schlecht belegt. Dennoch, ein Restzweifel bleibt: War Dr. Crippen vielleicht doch unschuldig?

Dr. Anke Keller, Kuratorin Ausstellung Mediengeschichte

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Ab in die Bütt! Gautschfest im TECHNOSEUM

© Pressedienst Dölzer/Hartmut Zick

„Gautschen“, so nannten die spätmittelalterlichen Papiermacher eigentlich das Ablegen der frisch geschöpften Papierbögen zum Trocknen. Doch spätestens im 16. Jahrhundert etablierte sich unter den Buchdruckern der Brauch, auch ihre Lehrlinge nach bestandener Ausbildung zu gautschen, also in einer wassergefüllten Bütte zu taufen und somit in den Gesellenstand der „Jünger Gutenbergs“ zu erheben.

550 Jahre nach Gutenberg
Ganz ähnlich wie damals verläuft auch heute ein Gautschfest. So ein Fest wurde im Juli anlässlich des Gutenbergjahres 2018 im Montagehof des TECHNOSEUM gefeiert – nur dass heute neben ausgelernten Druckern auch moderne Mediengestalter „gegautscht“ werden. Organisiert hatte die Veranstaltung der Fachausschuss für die Druckindustrie Rhein-Neckar gemeinsam mit dem Museum.

„Packt an!“
Nach der feierlichen Zeugnisübergabe wird es ernst: Zu jeweils fünft treten die „Kornuten“, also die ausgelernten Azubis, an und müssen zunächst die ehrwürdige Formel „Es sei künftig mein Bestreben, stets ein tugendhaftes Leben!“ geloben. Danach gibt der Gautschmeister seinen Gehilfen, den sogenannten Packern, den Befehl, die Gautschlinge mit ihrem „Corpus posteriorum“ (lateinisch hochtrabend für Hinterteil) auf einen triefend nassen Schwamm zu setzen. Es folgt ein Schwall Wasser auf den Kopf für die „durstige Seele“, und dann ist es soweit: Die Packer ergreifen die schon jetzt tropfnassen Gautschlinge und werfen sie schwungvoll in die Bütte, wo sie durch dreimaliges Untertauchen ihre Taufe erhalten.

Alles ganz freiwillig
Natürlich geht es dabei heute etwas gesitteter zu als damals: Gegautscht wird nur, wer damit einverstanden ist – aber bei 30° und strahlendem Sonnenschein sind sowieso fast alle anwesenden Absolventen froh über die Abkühlung. Besonders die Zuschauer haben sichtlich ihren Spaß an dem Spektakel und freuen sich über die gespielten Hilferufe der Gegautschten auf ihrem Weg ins kühle Nass. Aber auch die ehemaligen Lehrlinge haben natürlich etwas von dem ganzen Spektakel, denn wer schließlich klatschnass aus der Bütte steigt, der bekommt den langersehnten Gautschbrief.

Dr. Patrick Leiske

© Pressedienst Dölzer/Hartmut Zick

© Pressedienst Dölzer/Hartmut Zick

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Wer finden will, muss suchen: Das TECHNOSEUM unterwegs mit dem Sammelmobil auf dem Mannheimer Wochenmarkt

Mit der Suche nach neuen Objekten für die Sammlung eines Museums ist es so ähnlich wie mit der Suche nach dem Traumpartner: Wer zu Hause sitzen bleibt, wird nicht fündig. Deshalb wird das TECHNOSEUM mobil. Auf der Suche nach Dingen mit Migrationsgeschichte stehen wir ab diesem Sommer an verschiedenen Orten in Mannheim und suchen Menschen, die passende Objekte mit den dazu gehörenden Geschichten für uns haben.

Zwischen Waffeln, Orangensaft und Gurken
Startpunkt ist der Mannheimer Marktplatz. Direkt am Eingang zum Markt zwischen Ständen mit verlockenden Waffeln, frisch gepresstem Orangensaft und knackigem Gemüse stehen meine Kollegin Anne Mahn und ich unter einem roten Schirm, ausgestattet mit Info-Flyern und viel Enthusiasmus. Vergessen haben wir lediglich die Sonnencreme, was sich im Laufe dieses sonnigen Tages noch bemerkbar machen wird.

Sammlungsprojekt und Familiengeschichten
Am Anfang ist es noch schattig und so erzählen wir – nachdem der Aufbau des Standes bewältigt ist – den ersten Interessierten von unserem Sammlungsprojekt: „Wir suchen Fundstücke aus Ihrer Lebens- und Arbeitswelt. Vom Eislöffel bis zur Reiseschreibmaschine.“ Unsere einzige Bedingung: „Dahinter muss eine kleine Geschichte stecken.“ Unsere Gesprächspartnerinnen und -partner kommen ins Grübeln. Manche berichten von ihrer eigenen Familiengeschichte, sind sich aber nicht sicher, ob sie einen passenden Gegenstand für unsere Sammlung haben. Andere haben selbst zwar keine Migrationsgeschichte, wollten aber bei Freunden und Bekannten Werbung für unser Projekt machen. Alle sind erstaunt darüber, was alles ein Objekt mit Migrationsgeschichte sein kann.

Was ist eigentlich ein „Ding“ mit Migrationsgeschichte?
Ein „Objekt der Migration“ kann jeder Gegenstand sein, so alltäglich er auch erscheint. Darunter fallen zum Beispiel die bunten Plastiklöffel auf einer unserer Postkarten. Solche Plastiklöffel werden in jeder Eisdiele ausgegeben, gerade im Sommer geht es wohl kaum alltäglicher. Und doch lässt sich anhand dieser Plastiklöffel die Geschichte italienischer Eismacher in Deutschland erzählen: Warum sie herkamen, wie sie arbeiten und wie sich die Arbeitswelt auch in dieser Branche wandelt.

Das Fazit unseres ersten Ausflugs mit unserem Sammelmobil: viele interessierte Menschen, spannende Gespräche, zahlreiche verteilte Flyer und ein kleiner Sonnenbrand am linken Arm. Das motiviert doch sehr für unseren nächsten Auftritt am 11. August. Wieder auf dem Marktplatz, diesmal mit Sonnencreme. Kommt vorbei!

Wer ein passendes Objekt für uns hat, kann sich hier informieren.

Sandra Schultz

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Im TECHNOSEUM entdeckt: Das Marine-Chronometer

Sag mir die Uhrzeit und ich sag Dir, auf welchem Längengrad wir uns befinden! Klingt komisch, aber noch im letzten Jahrhundert war die genaue Kenntnis der Uhrzeit für Seeleute absolut notwendig, um die Position ihrer Schiffe bestimmen zu können.

Ein präzises Schmuckstück
Dazu nutzte man sogenannte Marine-Chronometer, auch Schiffsuhren genannt. Das sind hochpräzise transportable Zeitmessinstrumente, die seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu unentbehrlichen Navigationshilfen geworden waren. Das Exponat im Museum wurde um 1903 in Berlin gebaut und ist ein echtes Schmuckstück, gefertigt mit Mahagoni und Elfenbein.

Zuverlässigkeit bei Wind, Wetter und Wellengang
Und wie genau bestimmt man mithilfe der Uhrzeit die geografische Länge? Durch die Beobachtung der Himmelskörper (Sonne, Mond, Sterne) lässt sich die Zeit des Ortes ermitteln, an dem sich das Schiff gerade befindet. Diese Zeit vergleicht man dann mit der mitgeführten Zeit des Marine-Chronometers, die sich auf einen bestimmten Ort mit bekanntem Längengrad bezieht. Aus dem beobachteten Zeitunterschied kann man dann den Längenunterschied berechnen.
Doch warum verwendete man lange Zeit so einen unpraktischen Holzkasten, wenn es damals doch schon kleine Armbanduhren oder zumindest Taschenuhren gab? Das liegt an den Temperaturschwankungen und dem Wellengang auf den oft monatelangen Reisen. Die Chronometer waren dabei sehr zuverlässig und zeigten die genaue Zeit mit nur wenigen Sekunden Abweichung an.

Vom Zeitball zu GPS
Um die Schiffschronometer zu überprüfen, installierte man ab 1829 in Häfen Zeitbälle, die beispielsweise auf Dächern an einer Stange montiert und zu einem festgelegten Zeitpunkt fallengelassen wurden. Ab 1907 gab es dann Zeitzeichensender, um mit Funkfrequenzen die Uhrzeit abzugleichen. Erst um 1960 begann dann der Niedergang der klassischen Chronometer durch die Erfindung der präziseren Quarzuhr. Heute navigieren die Schiffe mit der satellitengesteuerten GPS-Technologie durch die Weltmeere.
Ein Überbleibsel der Navigation mit Chronometern befindet sich übrigens auf dem Dach des One Times Square in New York. Seit 1907 wird immer eine Minute vor dem Jahreswechsel der Times Square Ball an einem Fahnenmast herabgelassen. Dann hält aber sicher jeder ein Sektglas und kein Chronometer in der Hand.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene A.

Das Deutsche Uhrenmuseum hat auch einen Blogbeitrag zu Marine-Chronometern verfasst. Einfach mal vorbeischauen!

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Ein Mechaniker mit Mumm und eine Radiowerkstatt mit Geschichte

Wer will, der kann. Und Erwin Sautter wollte. Dabei herausgekommen ist nicht nur ein Gesellenstück, sondern auch eine maßgeschneiderte Werkstatt für den Rundfunkmechaniker. Sie ist im TECHNOSEUM Teil des neuen Ausstellungsbereichs Mediengeschichte und erzählt auch Sautters besondere Geschichte.

Neustart mit Hindernissen
Sautter wird 1928 geboren und wächst in Heidelberg auf. Mit 16 Jahren wird er zusammen mit seiner ganzen Gymnasialklasse zur Wehrmacht eingezogen und an der Westfront eingesetzt. Dort verliert er sein rechtes Bein, eine Wundinfektion kostet ihn sogar fast das Leben.

Weil ihm nach dem Krieg das Geld zum Besuch der Schule fehlt, beginnt er 1946 eine Lehre bei einem Rundfunkmechaniker. Keine leichte Aufgabe, denn Sautter sitzt nun im Rollstuhl. Doch er ist clever, denkt mit und schafft sich einen Werkstatttisch an, den er seinen Bedürfnissen anpasst: Die Beine des Stehmöbels werden abgesägt und weitere Umbauten vorgenommen, um die Arbeit im Rollstuhl zu ermöglichen. Es klappt. Die Lehre schließt Sautter zwei Jahre später mit „gut“ ab. Sein Gesellenstück ist ein „magisches Auge“, eine Abstimmhilfe für Radios, die er später in seine Prüftafel einbaut. Weiterer Bestandteil der Tafel ist unter anderem ein Umformer für Wechselstrom, denn nach dem Krieg gibt es in Heidelberg noch ein Gleichstromnetz.

Leidenschaft Radio-Bau
Doch Erwin Sauter will mehr. Er studiert tagsüber an der Ingenieurschule Mannheim Elektrotechnik, arbeitet nachmittags bei Siemens und repariert nachts Radios oder baut sie um. Im 4. Semester wird er Werksstudent bei der Post mit einem Gehalt von 170 DM. Kurz nach seiner Ingenieurprüfung im Februar 1956 heiratet er. Das Paar bekommt drei Söhne und zieht 1980 nach Sandhausen. Die Leidenschaft für Radios bleibt. Auch hier baut und repariert Erwin Sautter neben seinem Beruf weiterhin Radios.

Das besondere Werkstatt-Ensemble von Erwin Sauter kommt 2011 ins TECHNOSEUM. Seit Juni 2018 ist es Teil der neuen Dauerausstellung „Mediengeschichte“, wo es für den Neubeginn des Rundfunks in der von Rohstoffmangel und Zerstörungen geprägten Nachkriegszeit steht. Zu sehen sind der Werkstatttisch, die Prüftafel sowie einige weitere Geräte aus den ersten Nachkriegsjahren.

Dr. Anke Keller, Kuratorin Mediengeschichte

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Im TECHNOSEUM entdeckt: Das Magnetophon K 2

Schon der Name ist sperrig: Magnetophon K 2 – was wie eine Mischung aus Telefon und U-Boot klingt ist tatsächlich ein Tonbandgerät. Um genau zu sein: Das älteste noch erhaltene Tonbandgerät überhaupt. Eine richtige Rarität also, die in der Ausstellung zur Mediengeschichte entdeckt werden kann! Was heute hinsichtlich der Aufnahmequalität ein Smartphone besser erfüllt, bestand im Jahr 1936 aus vier sperrigen Teilen: Laufwerk, Verstärker, Lautsprecher und Mikrofon. Klirren und Rauschen waren inklusive, weshalb man auch ursprünglich der Meinung war, dass Magnetophone vor allem für die Aufzeichnung von Diktaten nützlich seien.

Die erste Konzert-Tonbandaufnahme der Welt
Das sollte sich aber schnell ändern: Am 19. November 1936 entstand im Ludwigshafener Feierabendhaus mit dem ausgestellten Magnetophon K 2 die weltweit erste Konzert-Tonbandaufnahme. Zu Gast war das Londoner Philharmonische Orchester unter der Leitung von Sir Thomas Beecham. Der war von der Tonbandaufnahme seines Konzerts scheinbar so verzückt, dass er im Anschluss das Dinner mit den NS-Funktionären vergessen haben soll.

Vom Draht zum Kunststoff-Tonband
Der Ort für die historische erste Konzertaufnahme mit Tonband ist kein Zufall. Denn die I.G. Farben Ludwigshafen (BASF) und die AEG arbeiteten schon seit 1932 an einem Magnetaufzeichnungssystem. Die AEG lieferte das Gerät, die I.G. Farben das Tonband. Schallaufzeichnung durch Magnetisierung gelang bereits 1898 Valdemar Poulsen mit Draht und 1928 Fritz Pfleumer mit Papierstreifen samt Stahlpulverbeschichtung. Die BASF entwickelte dann ein Kunststoff-Tonband und die AEG das erste funktionsfähige Tonbandgerät Magnetophon K 1. Der ältere Bruder des K 2 und alle Prototypen fielen aber dem Brand auf der Funkausstellung von 1935 zum Opfer.

Die Wachsscheibe hat ausgedient
Die Verwendung eines Magnetophons für Konzertaufnahmen weckte schließlich auch das Interesse der Rundfunkanstalten. Dort nutzte man bis dahin Wachsscheiben, wagte aber den Wechsel und stieg verstärkt auf die neue Aufnahmetechnik um.

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Gummireifen, Quallen und ein kleiner Hai – Ein Dankeschön für 146 Engagierte

Wer sich engagiert, braucht auch ein „Dankeschön“. Einmal im Jahr machen die Ehrenamtlichen des TECHNOSEUM deshalb eine Exkursion. In diesem Jahr führt sie in die Fächerstadt Karlsruhe, wo 146 engagierte Helferinnen und Helfer den französischen Reifenhersteller Michelin und das Staatliche Naturkundemuseum besuchen.

Von Clermont-Ferrand in die ganze Welt
Schon aus der Ferne grüßt „Bibendum“, das freundlich winkende Reifenmännchen und Maskottchen der Firma Michelin. Es besteht kein Zweifel: Hier sind wir richtig. Die im französischen Clermont-Ferrand produzierten Gummireifen traten bald nach der Unternehmensgründung im Jahr 1898 einen weltweiten Siegeszug an. 1931 wurde dann in Karlsruhe das erste Michelin-Werk auf deutschem Boden gebaut. Heute werden hier LKW-Reifen produziert.

Holzrad vs. Gummireifen
Zwei ehemalige Mitarbeiter warten bereits auf die Gruppe und strahlen mit dem „Bibendum“ um die Wette. Man spürt bei beiden sofort die Begeisterung für die zahlreichen Ausstellungsstücke. Räder, Werbeplakate, Automodelle und natürlich die weltbekannten Gummireifen sind hier zu einer eindrucksvollen Sammlung zusammengetragen. Nachdem wir Interessantes über die Entwicklungsgeschichte und den Herstellungsprozess von Gummireifen erfahren haben, kommt auch der Spaß nicht zu kurz. Auf einem Karussell, das früher zu Werbezwecken auf Jahrmärkten genutzt wurde, dürfen Freiwillige testen, was bequemer ist: Mit einem Holzrad oder einem Gummireifen über die Bodenunebenheiten zu hoppeln?

Lehrmeisterin Natur
Im Karlsruher Naturkundemuseum steht dann die Dauerausstellung „Form und Funktion“ auf dem Programm. Hier gibt es nicht nur Tierpräpate und Fossilien, sondern auch lebende Tiere. Hauchzarte Quallen tummeln sich im großen Aquarium im Eingangsbereich. Highlight ist ein 240.000 Liter fassendes Meerwasserbecken, in dessen Rifflandschaft sogar ein kleiner Hai seine Runden zieht. Da Tiere und Pflanzen perfekt an ihren Lebensraum angepasst sind, können ihre Eigenschaften für technische Entwicklungen genutzt werden. So werden die Flossen der Wale für reibungsarme Helikopterrotorblätter oder Saugnäpfe von Kraken für künstliches Haftmaterial zum Vorbild genommen. Das ist besonders spannend für die Gruppe, denn im TECHNOSEUM gibt es einen Ausstellungsbereich zur „Bionik“. So ganz fremd ist das Thema also nicht. Und es führt Natur und Technik auf geniale Weise zusammen. Mehr davon, möchte man sagen! Und: Bis zur nächsten Exkursion!

Dr. Christiane Sutter – Betreuung ehrenamtliche Kräfte

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Im TECHNOSEUM entdeckt: Das Gesellschaftsspiel „Die Automobil-Fahrt“

Autos und Spiele – das gehört zusammen. Wird heute in Videospielen riskant überholt, so sollten Autos in den 1920er-Jahren diese Dynamik aufs Brettspiel bringen. Genau aus dieser Zeit stammt im Museum unser Brettspiel „Die Automobil-Fahrt“ des Nürnberger Spieleherstellers J. W. Spear & Söhne. Der Hersteller orientierte sich an zeitgenössischen Trends und versuchte, den Publikumsgeschmack von Arm und Reich zu treffen.

 

Totgefahrene Gänse und störrische Schafe
Doch mit der Dynamik war das so eine Sache. Die Spieler wurden nämlich häufig ausgebremst: „Die Automobil-Fahrt“ scheint eher ein Hindernis-Parcours als ein Geschwindigkeitserlebnis zu sein. Totgefahrene Gänse, störrische Schafe, Kilometersteine, Radbrüche, Tankstellenpausen und sogar Explosionen schmälern das Fahrvergnügen und wenn man dann doch mal ein paar Felder weiter nach vorn rücken darf, dann liegt das nicht etwa an den Pferdestärken unter der Haube, sondern an der abschüssigen Straße: „Gefäll, fährt sofort nach No. 30“.

Ein Spiel für das Großbürgertum
Das Spiel wirkt auch für die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts wie aus der Zeit gefallen. Das Bild auf dem Cover orientiert sich an der Vorkriegszeit, als vor allem Adelige und wohlhabende Bürger, sogenannte „Herrenfahrer“, hinter dem Steuer saßen. Es zeigt die Welt des Großbürgertums aus der Kaiserzeit, doch wahrscheinlich war genau diese wohlhabende Schicht auch Zielgruppe der „Automobil-Fahrt“. Denn der Großteil der Bevölkerung hatte in einer Zeit der politischen Schwankungen und Wirtschaftskrisen kaum Geld im Portemonnaie. Ein Familientrip mit Automobil lag da in weiter Ferne.

„Barriere geschlossen, zweimal mit Würfeln aussetzen“
Auch die Automobilindustrie hatte zu kämpfen. Keine Nachfrage des Militärs, knappe Rohstoffe und fehlende technische Innovationen hemmten den deutschen Automobilmarkt. Große Konkurrenz gab es durch die Eisenbahn, sie war das Verkehrsmittel der Wahl. Und so kann der geschlossene Bahnübergang auf dem Spielbrett als ironischer Kommentar auf das verschobene Kräfteverhältnis gelesen werden. In der Spieleerklärung bei Feld 17 jedenfalls ist zu lesen: „Barriere geschlossen, zweimal mit Würfeln aussetzen“.

Wo im TECHNOSEUM? Auf der Ebene F.

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