Hinter den chinesischen Museumskulissen

Wie verhalten sich die unterschiedlichen Besuchergruppen im Shanghai Science & Technology Museum? Andreas Benz ist aktuell dort und wollte es wissen.

Der heutige TECHNOblog-Beitrag ist ein Gruß aus dem Shanghai Science & Technology Museum, wo unser Sammlungs-Volontär Andreas Benz im Rahmen des jährlichen Mitarbeiteraustauschs das TECHNOSEUM vertreten darf. Seit sechs Wochen ist er nun schon in der Millionenmetropole und hat zahlreiche Eindrücke und Erfahrungen gesammelt.

Während dieses Aufenthalts durfte er bereits in verschiedene Abteilungen reinschnuppern, unter anderem ins „Department Exhibition and Education“. Dort war er mehrere Tage ein Teil des Teams für die inzwischen geschlossene Sonderausstellung „Eyes on the World“ und nutzte die Zeit vor allem dazu, das chinesische Besucherverhalten zu studieren, von dem er hier berichtet:

„Eyes on the world“ lud die Besucher zum Ausprobieren ein.

„Eyes on the world“ war eine Schau verschiedenartiger optischer Instrumente, kreisförmig angelegt, bestehend aus sieben Teilen, die jeweils drei bis fünf „Exhibits“ umfassten. Dabei handelte es sich ausschließlich um Hands-On-Stationen, die Besucher konnten also überall selbst tätig werden. Dies machten sie auch und zwar in vielfältiger Weise. Für den ausländischen Beobachter war das hin und wieder etwas befremdlich, in den meisten Fällen interessant, manchmal lustig und letztlich doch erstaunlich.

Lange Schlangen vor den einzelnen Exponaten und Stationen: Für die Besucher ein gewohntes Bild.

Das Verhalten der Masse
Befremdlich
war es insofern, da der Lautstärkepegel spätestens ab 10 Uhr ein Maß erreichte, welches man bei uns eher aus Fußballstadien denn Museen kennt, ein Großteil der Besucher mit Essen und Trinken beschäftigt und ein systematischer Rundgang aufgrund des Andrangs fast unmöglich war.

Besonders interessant erschien mir, dass ganz bestimmte Objekte bevorzugt wurden. Anfangs fragte ich mich warum, denn es waren nicht unbedingt die Spektakulärsten, zumal man sie aus einigen Metern Entfernung ohnehin kaum sehen konnte. Aber darin lag offensichtlich gerade das Faszinierende, denn die meisten Besucher orientieren sich schlicht nach der Masse. Wo eine Schlage ist, da muss auch etwas Gutes sein! Ein Phänomen, das man auch außerhalb des Museums immer wieder beobachten kann.

Die Station "Cell Phone Radiation Test" im Shanghai Science & Technology Museum

Lustige Szenen ergaben sich vor allem dann, wenn Besucher an einer Station wild drauflos probierten, ohne einen Schimmer davon zu haben, was und wie hier etwas passieren sollte. Besonders schön war der sog. „Cell Phone Radiation Test“, an dem man die Handystrahlung messen konnte. Zugegeben, das Gerät war recht störanfällig, mit einem Blick auf die Anleitung hätte allerdings Vieles vermieden werden können. Oder durch die Hilfe eines Volonteers, einen der zahlreichen Schüler und Studenten, die exakt für einen Tag im Museum arbeiten und an bestimmten Punkten Scout-Funktionen erfüllen. Eigentlich auch hier. Doch leider waren die Volonteers meistens selbst mit ihren Handys beschäftigt.

Das Erstaunlichste an den Beobachtungen war allerdings, dass – wenn man sich auf den einzelnen Besucher konzentrierte – die Unterschiede zu uns gar nicht so groß waren. Die meisten verhielten sich diszipliniert, entweder neugierig oder gelangweilt, eigentlich ruhig und im Allgemeinen bemüht, das Gesehene zu verstehen. Manche schauten nur ganz kurz, andere wollten unbedingt alles genau sehen. Eine gesunde Mischung eben. Verlies man allerdings die Einzelperspektive und schaute auf die Besucher als Ganzes, glich die Halle einem Schlachtfeld. Es lag somit vor allem schlicht an der Masse. Ein Blick auf den Besucherzähler gab Aufschluss. Die Zahl war nachmittags stets fünfstellig.

Kinder basteln und werkeln in einem separatem Raum im Museum.

Blick in das museumspädagogische Angebot
Mehrmals am Tag besuchte ich in einem Nebenraum auch das dazugehörige Angebot des Educational Departments. Hier wurde abwechselnd ein Bild gemalt bzw. eine Trommel aus zwei Papptellern mit Holzkügelchen dazwischen gebastelt, ja man darf das ruhig so sagen. Leider wies nur eine versteckte Tafel darauf hin, so dass die Resonanz trotz der Massen vor der Türe recht gering war. Geleitet wurde das Ganze von zwei Volonteers, die den Kindern Papier und Stifte hinlegten und vor allem die Teller zusammentackerten, denn dies war den Kindern strengsten untersagt. Da ein dritter Tackerwächter nur bedingt benötigt wurde, konzentrierte ich mich aufs Beobachten von Kindern, Eltern und Volonteers. Gerade bei letzteren waren die Unterschiede immens. Die Mehrzahl fügte sich ihrem Schicksal und verbrachte einen ruhigen Tag mit dem Smartphone. Doch es waren auch einige wirklich Gute dabei. Die haben mit viel Leidenschaft und Hingabe aus den bescheidenen Möglichkeiten das Beste gemacht: lauter glückliche Menschen – mich eingeschlossen!“

Andreas Benz

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