Der Fall Crippen – Wie neue Technik einen Mörder überführt

In unserer Ausstellung zur Mediengeschichte ist das Titelblatt einer Ausgabe von „Le Petit Journal“ zu sehen. Die spannende Geschichte dahinter lässt sich natürlich nicht auf einer kleinen Texttafel erzählen. Deshalb holen wir das an dieser Stelle nach.
Im Jahr 1910 sorgt ein spektakuläres Verbrechen für Aufsehen: Der Arzt Dr. Crippen wird des Mordes an seiner Frau beschuldigt und flieht mit seiner Geliebten. Bei der Jagd nach dem Delinquenten kommt eine damals noch junge Technik zum Einsatz: der Funk.

Das Drama nimmt seinen Lauf
Dr. Hawley Harvey Crippen, homöopathischer Arzt in den USA, heiratet 1892 in zweiter Ehe die deutlich jüngere Cora Turner. Fünf Jahre später zieht das Paar nach London. Cora, die als Varietékünstlerin Belle Elmore auftritt, betrügt ihn immer wieder mit anderen Männern. Crippen arbeitet in einem Heilinstitut für Gehörlose, wo er eine Affäre mit der Sekretärin Ethel le Neve beginnt.
Nach einer Feier mit Freunden am 31. Januar 1910 verschwindet Cora spurlos. Crippen behauptet, sie sei in die USA zurückgezogen und dort gestorben. Zeitgleich zieht Ethel bei ihm ein. Schließlich gesteht er, Cora sei mit ihrem Geliebten durchgebrannt, was er aus Scham verschwiegen habe. Damit kann er den Verdacht von Scotland Yard zerstreuen. Erst als Crippen und Ethel überstürzt nach Antwerpen reisen, wo sie das Schiff SS Montrose nach Kanada besteigen, erhärtet sich der Verdacht. Bei der Hausdurchsuchung folgt dann der schockierende Fund: Leichenteile unter dem Kellerfußboden! Anhand einer Blinddarmnarbe werden sie als Überreste von Cora Crippen identifiziert. Todesursache: Gift.

Gefasst dank Funk
Der Kapitän des Schiffes SS Montrose, Henry George Kendall, ist über die Verbrecherjagd informiert. Er erkennt Crippen und die als Mann verkleidete Ethel unter den Passagieren und funkt ein Telegramm an die Britischen Behörden. Der zuständige Inspektor verliert keine Zeit. Er begibt sich umgehend an Bord des schnelleren Schiffes Laurentic und verhaftet das geflohene Paar am 31. Juli 1910. Der anschließende Prozess spaltet die Gemüter, denn Crippen gilt als freundlich, beteuert weiterhin seine Unschuld. Trotzdem wird er zum Tode durch Erhängen verurteilt, Ethel dagegen freigesprochen.

Zu Unrecht verurteilt?
Forscher der Universität von Michigan rollen den Fall 2007 wieder auf: Sie vergleichen die DNA der erhaltenen Leichenteile mit jener von noch lebenden Verwandten der Mutter Cora Crippens. Das spektakuläre Ergebnis: Angeblich handelt es sich nicht um Cora, sondern um Überreste eines Mannes! Einige Faktoren stellen den Befund jedoch in Frage. So waren die DNA-Proben nicht optimal und die Verwandtschaft der Testpersonen mit Cora Crippen schlecht belegt. Dennoch, ein Restzweifel bleibt: War Dr. Crippen vielleicht doch unschuldig?

Dr. Anke Keller, Kuratorin Ausstellung Mediengeschichte

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